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22.12.2011Exklusiver Ausblick für 2012 von Prof. Klaus Schweinsberg
Euro-Krise, Cyber-Angriffe, Fukushima, Ehec, Terrorakte - zu keinem Zeitpunkt seit dem Zweiten Weltkrieg ballten sich innert eines Jahres so viele verschiedene existentielle Risiken wie in 2011. Die schlechte Nachricht: 2012 wird nicht besser. Im Gegenteil: Vieles deutet darauf hin, dass die Bedrohungen quantitativ wie qualitativ weiter zunehmen werden. Sicherheit wird ein knappes Gut.
Die Weltlage ist unübersichtlich und unberechenbar. Davon profitiert eine rasch expandierende Panikindustrie. Seien es die Medien, denen es nicht mehr gelingen will zu unterscheiden, ob nun ein echter Sturm aufzieht oder nur eine kräftige Böe übers Land fegt. Der Tenor der Berichterstattung ist inzwischen generell alarmistisch. Ganz nach dem Motto: Der Weltuntergang findet täglich statt - mal rafft uns Ehec dahin, mal enteignet uns eine galoppierende Inflation, mal zwingt uns eine Währungsreform in die Knie.
Diese chronische mediale Hysterie nährt inzwischen verschiedenste nachgelagerte Industrien, die aufs Vortrefflichste von der Unsicherheit leben. Die Banken bedrängen ihre wohlhabenden Kunden "Katastrophen-Portfolios". Die Software-Produzenten verkaufen ein sicheres Leben in der Cloud.
Das Gefährliche daran: Die tägliche Panikmache mit munter wechselnden Sujets führt - sowohl bei den Eliten wie auch in der Gesamtöffentlichkeit - zu einer Abstumpfung. Das mediale Dauerfeuer hält eine ernsthafte Auseinandersetzung darüber nieder, welche fundamentalen existentiellen Risiken wir künftig ausgesetzt sind. Und wie wir damit umgehen sollten. Die Folge: Bürger wie Politiker und Wirtschaftsführer kauern sich unter einen multiplen Rettungsschirm, um mit Karl Valentin zu hoffen: "Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist."
Was ich mir für 2012 wünsche: Ernsthafter Diskurs statt aufgeregter Diskussion zum Thema Sicherheit. Insbesondere die Wirtschaft unterschätzt die Bedeutung des (Produktions)Faktors Sicherheit. Die Herren Vorstände waren über Jahrzehnte verwöhnt, weil Vater Staat Sicherheit in weiten Teilen als öffentliches Gut bereitstellte. Diese Zeiten sind aber vorbei. Da der Staat bei vielen Themen wirksamen Schutz nicht mehr liefern kann - sei es weil die finanziellen Mittel fehlen, sei es weil es an Expertise gebricht, sei es weil es um höchstpersönliche Risiken geht.
Auch der Bürger ließ es sich bereitwillig gefallen, in Sachen Sicherheit entmündigt zu werden. Der vorerst letzte Schritt in diese Richtung war die Aussetzung der Wehrpflicht. Selbst um die Verteidigung von Recht und Freiheit des eigenen Landes mögen sich doch bitte Experten kümmern. Bedrohungen wie Cybercrime, aber auch die jährlich wachsende Gefahr von Epidemien oder Terrorakten werden uns zu einem Sinneswandel zwingen. Flächendeckende massive Bedrohungen können nicht mehr von Experten allein bewältigt werden.
Um es klar zu sagen: Die bedrohlichsten Risiken dieser Tage, nämlich Cybercrime, organisierte Kriminalität, Epidemien, fundamentalistischer Terrorismus und die wachsenden Volatilität in den Finanzmärkten federt heute weder der Staat noch irgendwelche Versicherungen ab. Es ist überfällig einen übergreifenden Dialog zu führen, wie Staat, Wirtschaft und Bürger gemeinsam "vernetzte Sicherheit" herstellen können. Weil Sicherheit ein wichtiger Standortfaktor ist. Vor allem aber, weil es nach Jahrhunderten der Unsicherheit eine Errungenschaft ist, die wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen dürfen. Die Bürger spüren die Risse im Fundament. Im "Sicherheitsreport 2011", einer repräsentativen Befragung der Deutschen, beklagen mehr als 40 Prozent der Bundesbürger, dass sie sich heute unsicherer fühlen als früher. Das gilt es ernst zu nehmen. Denn, um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: "Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig."
Professor Dr. Klaus Schweinsberg
Centrum für Strategie und Höhere Führung



